Sarstedter Feuerwehr verhilft Archäologen zu exakten Übersichtsbildern / Grabungen gehen noch weiter

Sarstedt (ph). Die Ausgrabungen zwischen Giften und Schliekum gehen weiter, auch wenn bis November das bisherige Feld erforscht ist. Gestern haben die Archäologen ihre Forschungsstätte aus der Luft fotografiert – mithilfe der Drehleiter der Sarstedter Feuerwehr.

In der Fernsehsendung „Terra X“ am Sonntag schildert Hape Kerkeling das Ewige Rom und schlüpft in die Rolle des leicht durchgeknallten Kaisers Nero. Er stellt dar, wie die zunehmende Dekadenz der römischen Gesellschaft mit der Aggressivität der Germanen zusammenprallte, die wiederum im Osten von Invasoren aus Zentralasien bedrängt wurden. Etwa zu dieser Zeit, um Christi Geburt und später, siedelten zwischen Giften und Schliekum in der Nähe der Leine Leute, die handwerklich begabt waren, die in der Landwirtschaft arbeiteten und über den Verkehrsweg Leine offenbar Kontakt zu anderen Ansiedlungen hatten.

Das Germanendorf muss später verlassen worden sein, denn es versank erst in Vergessenheit, dann auch in der Erde. Nur ab und zu holten die Bauern nach dem Pflügen Keramikscherben aus dem Boden, einmal auch ein steinernes Beil, fein säuberlich verarbeitet. Solche Funde machten Archäologen auf den Acker an den Giftener Seen aufmerksam. Und als dann auch noch der Mitarbeiter Harald Nagel von einem Kiesberg aus Verfärbungen im Acker ausmachte, war klar, dass dort etwas liegen musste. Und: Es würde nicht mehr lange da liegen, weil Holcim dort Kies abbauen will.

Die Firma änderte ihre Abbau-Planungen, ein Archäologenteam des Bezirksarchäologen Friedrich-Wilhelm Wulf unter der Leitung von Veronica König begann mit der Arbeit. Schnell wurden die Fachleute fündig (diese Zeitung berichtete mehrfach) und gruben nach und nach eine ganze Siedlung aus dem Acker.

Umgeben von einem Graben, hatten sich die Germanen in dem Dorf ganz nett eingerichtet. Es gab nicht nur Wohnhäuser, sondern auch ein sogenanntes Grubenhaus, eine haltbarere Konstruktion, die für Archäologen besonders interessant ist.

Denn in solchen Grubenhäusern arbeiten oft die Handwerker. Man kann also Hinweise auf den Stand der Technik dort finden. Dazu freilich bedarf es geradezu detektivischer Fähigkeiten und unendlicher Feinarbeit. Jedes Fundstück, jede Scherbe wird genau fotografiert (digital und auf Film), wird GPS-gesteuert lokalisiert und schließlich auch noch gezeichnet. Erst dann darf der Archäologe es aus dem Boden holen. Denn entscheidend sind weniger die Fundstücke als der Zusammenhang des Fundes, der auch für spätere Forscher-Generationen gesichert werden muss. Mehr als 700 einzelne Fundstücke haben die Archäologen auf diesem Ausgrabungsfeld gefunden.

Inzwischen sind die Arbeiten in dem Feld weitgehend abgeschlossen. Veronica König und ihre Mitarbeiter befassen sich derzeit noch mit einem zweiten Grubenhaus, das hart am Feldweg entdeckt wurde. Wenn das abgearbeitet ist, wollen sich die Archäologen den alten Graben rund ums Dorf genauer ansehen – und dann können die Kies-Abbauer kommen.

Übersichtsbilder sind immer gut, nur: Wie kriegt man sie in der Leinemasch? Giftens Ortsheimatpfleger Hans Wehling, stets aufmerksamer Beobachter der Grabungen, hat einen Sohn, der Stephan heißt und Ortsbrandmeister in Giften ist. Stadtbrandmeister Uwe Meyer war sofort Feuer und Flamme (wenn man das so sagen darf) für die Idee, die 30-Meter- Drehleiter der Feuerwehr auch mal auf freiem Acker auszuprobieren. Und Daniel Schiefer steuert das tonnenschwere Gerät mit so viel Fingerspitzengefühl, dass die Sorgen der Archäologin über die Höhenangst völlig unbegründet waren. Vorsichtig hievte Schiefer die Wissenschaftlerin auf 30 Meter, schwenkte die Leiter und machte es so möglich, die Fundstelle direkt von oben zu fotografieren. „Eine tolle Gelegenheit“, meinte VeronicaKönig und dankte den Feuerwehrleuten für ihre Hilfe.

Der Acker gegenüber ist derzeit noch frisch geeggt, allerdings ist der Abbau- Antrag schon gestellt. Im kommenden Jahr werden die Archäologen dort weiter arbeiten, berichtet Wulf. Denn die flache Erhebung, auf der sie jetzt fündig geworden sind, erstreckt sich noch einige Meter in diesen Acker hinein. Es ist also weiter mit Überraschungen zu rechnen. Und wenn es nur noch mehr Grubenhäuser sind: Jede Bronzenadel, jeder Kaninchenschädel und jeder Tropfen Bronzeguss verrät den Fachleuten ein bisschen mehr darüber, wie unsere Urururururgroßeltern ihre Tage verbracht haben.

Bericht der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung vom 01.11.2011